Presseinformation
Presseinformation Nr. 153 vom 29. September 2011
Schaltzentralen für den medizinischen Notfall
6. DGINA-Jahrestagung in Göttingen zu Aufgaben der Notaufnahmen in Zeiten von mehr Notfall-Patienten, von EHEC und ländlichem Praxensterben.
(umg) Insgesamt 25 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands suchten im Jahr 2010 Hilfe in einer Notaufnahme. Mit inzwischen 21 Millionen Patienten jährlich verzeichnen die Notaufnahmen an deutschen Krankenhäusern weiter zunehmende Patientenzahlen. "Weitere Steigerungen in 2011 sind bereits absehbar", sagt Dr. Barbara Hogan, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme DGINA e.V. "Die Deutschen zeigen, dass sie ihre Notaufnahmen brauchen und nutzen. Eine weitere Professionalisierung der Notfallmedizin ist somit unumgänglich." Aus kleinen Ambulanzen entwickeln sich verstärkt Zentrale Notaufnahmen an deutschen Krankenhäusern. Die jetzigen Hochleistungs-Notaufnahmen haben sich während der EHEC-Krise bewährt und Leben gerettet.
"Die inzwischen etwa 1.000 zentralen Notaufnahmen in deutschen Kliniken sind von Notambulanzen zu wichtigen Schlüsselabteilungen geworden", so Prof. Dr. Sabine Blaschke, leitende Oberärztin der Interdisziplinären Notaufnahme der Universitätsmedizin Göttingen. Zur Entwicklung der Notfallmedizin. "Wir sehen in den letzten Jahren eine klare Tendenz: Wir versorgen immer mehr Patienten, haben aber auch immer mehr Verantwortung für die Notfallmedizin", so die Tagungspräsidentin des 6. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA).
Unter dem Motto "Notfallmedizin: Quo vadis?" diskutieren auf der 6. Jahrestagung der DGINA über 800 Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienstmitarbeiter die aktuelle Entwicklung der Notfallversorgung. Zentraler Punkt dabei: Die ehemaligen Notdienstambulanzen sind zu eigenständigen, vielfach zentralen Bereichen geworden, in denen eine stetig wachsende Zahl von Patienten mit mehr oder weniger dringenden Problemen behandelt werden. Zusätzlich steigt aber auch die Patientenzahl mit weniger bedrohlichen Beschwerden, die nicht zwingend in einer Notaufnahme behandelt werden müssten.
"Es gibt die erfreuliche Tendenz, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst an bestehende Notaufnahmen großer Kliniken anzukoppeln", sagt Prof. Dr. Sabine Blaschke. So ist in der Universitätsmedizin Göttingen der Kassenärztliche Notdienst der niedergelassenen Ärzte seit Juli 2011 zu finden, ab Oktober sogar direkt neben der Interdisziplinären Notaufnahme. "Durch die enge räumliche Anbindung der Kolleginnen und Kollegen können wir den Patientenfluss besser steuern und so die Notaufnahme des Universitätsklinikums, als Haus der Maximalversorgung mit allen Fachdisziplinen unter einem Dach, von der Versorgung der leichteren und weniger dringlichen Notfälle entlasten", so Blaschke. Das beträfe etwa 5 bis 15 Prozent der Patienten. "Wer mit einem Wespenstich oder einer akuten Bronchitis zu uns kommt, wird primär in der kassenärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis behandelt", sagt die Notfallmedizinerin. Ob dieses Vorgehen deutschlandweit die Engpässe angesichts der mit den Landarzt-Praxen aussterbenden Notarzt-Dienste auffangen kann, wird am 30. September 2011 in einer gesonderten Kongress-Sitzung diskutiert.
Veränderte Aufgaben erfordern Professionalisierung
Dass diese Form der Entlastung dringend notwendig ist, betont Dr. Barbara Hogan, Präsidentin der DGINA. "Notaufnahmen übernehmen immer mehr Aufgaben in der Gesundheitsversorgung", so die Chefärztin der Zentralen Notaufnahme der ASKLEPIOS Klinik Hamburg-Altona. "Dazu gehört, dass wir bei Epidemien wie dem aktuellen EHEC-Ausbruch faktisch zu Schaltzentralen werden", sagt Dr. Barbara Hogan. Diese Entwicklungen erzwingen eine Professionalisierung der Notfallmedizin in Deutschland. "Deshalb setzt sich die DGINA für die Einführung eines Facharztes für Notfallmedizin nach europäischem Vorbild ein", sagt Hogan. "Die Ärzte und Pflegenden in den Notaufnahmen sind heute mit Problemen konfrontiert, die weit über einen noch vor kurzem typischen Fahrradunfall hinausgehen", so Hogan. "Es darf nicht sein, dass dieser wichtige Bereich der Erstversorgung in einer kränker werdenden Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit erhält als andere Bereiche der Medizin".
Während der EHEC-Epidemie an vorderster Front
Die Realität spricht längst eine klare Sprache. Während des aktuellen EHEC-Ausbruchs wurden die Notfallaufnahmen großer Kliniken zu den ersten Anlaufstellen für Betroffene. "Dabei hat sich gezeigt, dass Notaufnahmen durch ihre Brückenkopffunktion im Meldeverfahren bei Epidemien als Frühwarnsystem fungieren können", erklärt Prof. Christoph Dodt, Chefarzt der Notaufnahme am Städtischen Klinikum Bogenhausen in München. "Wir haben am Beispiel EHEC gesehen, dass die Notaufnahmen in dieser Situation vielfach das Vorgehen innerhalb des Krankenhauses wie auch mit niedergelassenen Kollegen koordiniert haben", so Dodt. Erstmals haben zudem die Notaufnahmen in einer Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut durch die Datenerfassung von EHEC-Erkrankungen als eigenständige Bereiche eine zentrale, deutschlandweite Aufgabe übernommen. "Epidemien wie der EHEC- und HUS-Ausbruch werden auch künftig eher häufiger als seltener auftreten", schätzt Prof. Dodt ein. Notaufnahmen werden dabei weiterhin an vorderster Front stehen. "Umso wichtiger ist es, diesen Bereich noch weiter zu professionalisieren", so Dodt.
Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern
2010 wurden ca. 21 Millionen Menschen in Notaufnahmen versorgt. 2009 waren es etwa 16 Millionen. Häufig werden 40 bis 50 Prozent aller Patienten über die Notaufnahme ins Krankenhaus aufgenommen. Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen hier eine starke Zunahme: 2005 waren es 5,42 Millionen, 2007 5,96 Millionen, 2008 6,32 Millionen. Somit erhöhte sich die Zahl der stationär behandelten Notfallpatienten in vier Jahren um fast eine Million oder 16,6 Prozent. Die meisten deutschen Kliniken verfügen über eigene Notaufnahmen oder Notfallambulanzen. In ca. 1.000 der 2.100 Klinken hat sich das Prinzip der Zentralisierung in einer zentralen interdisziplinären Notaufnahme gegenüber mehreren dezentralen Notambulanzen durchgesetzt.
Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme e.V.
Die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme e.V. (DGINA) ist ein Zusammenschluss der in deutschen Notfallaufnahmen tätigen Ärzte und Pflegefachkräfte. Ziel der 2005 gegründeten Fachgesellschaft ist die Sicherung und Weiterentwicklung der hohen Qualität der notfallmedizinischen Versorgung in Deutschland und eine weitere Angleichung an modernste internationale Standards.
WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Abteilung Nephrologie und Rheumatologie
Interdisziplinäre Notaufnahme
Prof. Dr. Sabine Blaschke, Telefon 0551 / 39-8910
sblasch@gwdg.de
Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme e.V.
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