Presseinformation
Presseinformation Nr. 118 vom 30. Juni 2011
Geburten im Accouchierhaus: Geburtshilfe und Forschung
Enthüllung der Gedenktafel für die Frauen, die ab 1791 im ersten universitären Geburtshaus Deutschlands die Geburt ihrer Kinder auch für Forschungszwecke zur Verfügung stellten.


(umg) Das Göttinger Accouchierhaus (französisch von accoucher = niederkommen, entbinden) war die erste universitäre Geburtsklinik im deutschen Sprachraum. In dieser 1791 gegründeten Einrichtung konnten arme Frauen unter ärztlicher Aufsicht ihre Kinder zur Welt bringen. Das erfüllte zum einen eine "fürsorgliche" Funktion. Zum anderen mussten sich die meist mittellosen Frauen als "Übungs- und Anschauungsobjekte" für die medizinische Ausbildung der Ärzte zur Verfügung stellen. Da sich das Accouchierhaus als eine Lehr- und Forschungsanstalt der Geburtshilfe verstand, mussten die Frauen "Tests" mit neu entworfenen Geburtszangen oder Saugglocken über sich ergehen lassen. Diese Geburten dienten damals vor allem dem Ziel, den Geburtsablauf zu erforschen und die Geburtshilfe zu perfektionieren.
In Erinnerung an diese Frauen und an diese Zeit enthüllten der Dekan der Medizinische Fakultät, Prof. Dr. Cornelius Frömmel, und die kommissarische Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsmedizin Göttingen, Dipl.-Psych. Carmen Franz, eine Gedenktafel an der Fassade des Gebäudes in der Hospitalstraße.
GESCHICHTLICHER HINTERGRUND
Geburten waren ursprünglich die Domäne von Hebammen. Mit der Einrichtung des Accouchierhauses verlagerte sich die Geburtshilfe auch in ärztliche Hände. Die Entstehung des Göttinger Accouchierhauses geht auf die Initiative des Anatomen Albrecht von Haller (1708-1777) zurück. Von Haller holt Johann Georg Roederer (1754-1835) nach Göttingen. Roederer strukturierte das Accouchierhaus zur Lehranstalt um. Ab 1792 wirkte Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822) als praktischer Arzt und Geburtshelfer in Göttingen. Seit 1989 befindet sich in dem Gebäude das musikwissenschaftliche Seminar der Georg-August-Universität.
Ein uneheliches Kind zu bekommen war zu dieser Zeit mit vielen gesellschaftlichen Nachteilen verbunden. Im Accouchierhaus wurde den ledigen, meist armen Frauen diese Peinlichkeit erspart. Dort konnten sie ihre auferlegte Kirchbuße in aller Stille verrichten, die Geldstrafe entfiel ganz. Gerade dies war für viele Frauen einer der Hauptgründe, überhaupt das Accouchierhaus aufzusuchen.
Trotzdem stand die Klinik zunächst vor einem großen Problem: Gegenleistung für die Unterbringung und Pflege von Frau und Kind war die Einwilligung, bei der Geburt Studenten zusehen, sich vor ihren Augen untersuchen zu lassen und bei der Weiterentwicklung von geburtshilflichen Instrumente, wie für die von Osiander weiterentwickelten Geburtszangen, zur Verfügung zu stehen. Davor hatten die Frauen Angst und schämten sich. Zudem hatte die Klinik unter der Leitung Osianders keinen guten Ruf. Osiander selbst formulierte, dass die Ausbildung der Studenten Priorität habe und nicht die menschliche und ärztliche Betreuung der Schwangeren.
GEDENKTAFEL
An diese Zeit erinnerte Prof. Dr. Cornelius Frömmel, Dekan der Medizinischen Fakultät: "Was zunächst wie etwas rein Menschenfreundliches aussieht, nämlich sich sorgen um eine gute Geburt, hatte durchaus ein anderes Gesicht: Für die Frauen war eine Geburt im Accouchierhaus auch erniedrigend. Es ging hier um die - um ein Wort von Kant zu verwenden - "Vernutzung" von Menschen, welche er als Aufklärer allerdings konsequent ablehnte. Während es vor weniger als 225 Jahren praktisch keine Möglichkeit für die Gebärenden gab, sich dem Wunsche der ärztlichen Lehrer nach Untersuchung unter Teilnahme der männlichen Studierenden zu entziehen, eine Weigerung hätte den Verlust der Betreuung insgesamt bedeutet, können heute die Patientinnen frei entscheiden, ob sie bereit sind, bei den Themen aus Forschung und Lehre mitzuwirken."
Die kommissarische Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsmedizin Göttingen, Dipl.-Psych. Carmen Franz, zur Motivation: "Mir ist diese Gedenktafel eine Herzensangelegenheit. Die Stadt Göttingen ist voller Gedenken an große Mitglieder der Universität. Ich möchte, dass auch diesen längst vergessenen Frauen mit der Gedenktafel Dank gesagt wird. Sie haben auf ihre Weise auch der Forschung gedient."
Auf der Gedenktafel steht: "Zum Gedenken an die Frauen, die aufgrund von Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung im Accouchierhaus, dem ersten universitären Geburtshaus in Deutschland, ihre Kinder zur Welt bringen konnten. Sie überließen als Gegenleistung während der Zeit ihres Aufenthaltes ihre Körper medizinischer Forschung und Ausbildung."
BILDUNTERSCHRIFT Bild 2: Enthüllung der Gedenktafel: Prof. Dr. Cornelius Frömmel (Dekan und Sprecher des Vorstandes der UMG), Prof. Dr. Joachim Münch (Vizepräsident der Universität Göttingen), Ulrich Holefleisch (Bürgermeister der Stadt Göttingen). Vorne: Dipl.-Psych. Carmen Franz (komm. Gleichstellungsbeauftragte der UMG). Foto: umg
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