Presseinformation

Presseinformation Nr. 112 vom 24. Juni 2011

Universitätsprofessor Dr. med. Gerd Steding verstorben

Ehemaliger Direktor der Abteilung Embryologie starb im Alter von 75 Jahren.


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Universitätsprofessor Dr. med.
Gerd Steding. Foto: Heller


(umg) Universitätsprofessor Dr. med. Gerd Steding, langjähriger Direktor der Abteilung Embryologie im Zentrum Anatomie der Universitätsmedizin Göttingen, ist am Sonntag, dem 12. Juni 2011 im Alter von 75 Jahren gestorben. Er leitete die Abteilung Embryologie von 1972 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2001. Neben seinen Aufgaben als Wissenschaftler und akademischer Lehrer war Prof. Steding viele Jahre als Kapazitätsbeauftragter der Medizinischen Fakultät mit großem Einsatz tätig. Zum Ende seiner Amtszeit gelang es ihm mit Unterstützung des Universitäts-Präsidiums, die Voraussetzungen für die Rückführung der weltbekannten Göttinger "Blechschmidt-Sammlung" aus den USA nach Göttingen zu schaffen. Die Sammlung von Schnittserien menschlicher Embryonen ist nach dem Göttinger Professor für Anatomie Dr. Erich Blechschmidt benannt.

Die Medizinische Fakultät und die Universitätsmedizin Göttingen trauern um einen leidenschaftlichen Forscher und außerordentlich engagierten Lehrer, der sich in besonderer Weise um die vorklinische Ausbildung der Studierenden der Human- und Zahnmedizin sowie um die Erforschung der Entwicklung des embryonalen Herzens und der Anatomie menschlicher Embryonen verdient gemacht hat.

Professor Dr. Gerd Steding wurde am 24. Februar 1936 in Hannover geboren und studierte Humanmedizin in Göttingen. Bereits nach dem Physikum unterbricht er sein Studium für ein Jahr, um bei Prof. Peter D. Nieuwkoop am "International Institute of Embryology" (Hubrecht-Laboratorium) in Utrecht, Niederlande, die Techniken der operativ-experimentellen Embryologie zu erlernen. Im Juni 1963 wird er mit einer experimentellen Arbeit über die Entwicklung des Neuralrohrs beim Hühnerembryo ("Experimente zur Morphogenese des Rückenmarkes") promoviert. Zu diesem Zeitpunkt (seit April 1963) ist er bereits als wissenschaftlicher Assistent am damaligen Anatomischen Institut tätig und baut im Rahmen seiner Forschungsarbeiten eine experimentell ausgerichtete embryologische Arbeitsgruppe auf, die den Hühnerembryo als experimentell manipulierbaren Modellorganismus nutzt. Professor Steding legt damit den Grundstein für die experimentelle Embryologie in der Göttinger Anatomie. Im Mai 1968 – gerade 32 Jahre alt – habilitiert er sich für das Fach Anatomie mit einer Arbeit über die "Gestaltungsfunktionen des Ektoderm im Gebiet der Extremitätenanlagen". Weitere vier Jahre ist er als Oberassistent am Anatomischen Institut tätig, bis er 1972 zum Professor und Direktor der Abteilung Embryologie im Zentrum Anatomie ernannt wird. Zum 31. März 2001 geht er in den Ruhestand.

In die akademische Lehre, insbesondere die vorklinische Ausbildung der Studierenden, hat Professor Dr. Gerd Steding über seine gesamte akademische Laufbahn hinweg viel Zeit und Kraft investiert. So hielt er unter anderem die Embryologievorlesung, Vorlesungen zur topographischen Anatomie, Einführungen zu den Präparierkursen, die Vorlesungen zur Anatomie des Bewegungsapparates und der Eingeweide. Er betreute Präparierkurse für Humanmediziner und hat mit den Göttinger Präparierübungen für Zahnmediziner eine für ihre hohe Qualität über die Grenzen Göttingens hinaus bekannte Unterrichtsveranstaltung geprägt.

Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit fokussierten sich auf Fragen zur Anatomie menschlicher Embryonen und auf die Rolle von mechanischen Faktoren bei Gestaltbildungsprozessen. Professor Steding befasste sich zunächst mit der Erforschung der Extremitätenentwicklung. An Hühnerembryonen untersuchte er Gestaltbil-dungsprozesse, deren Störung möglicherweise zu Fehlbildungen beim Menschen führen. Dabei hatte er besonders Störungen von Wachstumsbewegungen im Blick. Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Kardiologie" wendete er sich Mitte der 1970er Jahre Fragen zur Entwicklung des embryonalen Herzens zu. Er begründet hiermit eine Forschungsrichtung, die bis heute in der Göttinger Anatomie fortgeführt wird. Seine Forschungsergebnisse zur normalen und pathologischen Entwicklung des Herzens sind damals international gefragt. So wurde Professor Steding in den 1980er und 1990er Jahren mehrmals in die Volksrepublik China, an die Medical Colleges in Nanjing und in Wuhan eingeladen. Das Guangxi Medical College in Nanjing ehrte ihn 1985 mit einer Honorar-Professur. Das wissenschaftliche Band zwischen den Embryologen in Nanjing und Göttingen führte im Sommer 1988 zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt zur "Entwicklung des menschlichen Herzens", das von der VW-Stiftung gefördert wurde.

Erst im "Ruhestand" findet Professor Steding ausreichend Zeit, um die Erkenntnisse seines wissenschaftlichen Lebens zu sammeln, aufzuarbeiten und in Buchform zu publizieren: 2006 erscheint ein Werk über die Entwicklung des menschlichen Herzens: "Steding's and Virágh's Scanning Electron Microscopy Atlas of the Developing Human Heart" von R. J. Oostra, Gerd Steding, Wout H. Lamers und Antoon F. M. Moorman im Springer Verlag. 2009 folgt ein Werk über die Anatomie menschlicher Embryonen: „The Anatomy of the Human Embryo: A Scanning Electron-Microscopic Atlas“ im Karger Verlag. Beide Werke finden große internationale Beachtung. "The Anatomy of the Human Embryo" gehört im Jahr 2010 zu den "Winners" des  Medical Book Award der British Medical Association.

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